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„Musikschule ist bei Bürgern angekommen“

Grafschafter Nachrichten vom 24.6.2008

Foto: Westörp

Leiter Johannes Strzyzewski hinterlässt am 31. Juli ein Haus mit vielen Stärken

„Nordhorns städtische Musikschule ist in der Öffentlichkeit fest verankert. Das ist eine ihrer ganz großen Stärken“, sagt Johannes Strzyzewski, der in seiner Amtszeit als Musikschulchef diese Öffnung nach außen maßgeblich ausgebaut hat und Nordhorn nun nach fünfeinhalb Jahren verlässt. Etwas wehmühtig, wie er gesteht, denn Nordhorns Haus der schönen Töne ist ihm ans Herz gewachsen - und er räumt der Musikschule mit Blick auf die geplante grenzüberschreitenden Internationale Musikschule eine große und spannende Zukunft ein. Von Thomas Kriegisch - Nordhorn.

Wenn der 50-jährige „Mann mit der Klampfe“ am 31. Juli nach seinem letzten Arbeitstag an der Lingener Straße die Bürotür hinter sich schließt und am 1. August seine neue Stelle als Direktor der Musikschule Bielefeld antritt, dann hinterlässt er eine Musikschule, um die Nordhorn vielerorts beneidet wird. Das fängt bei den Finanzen an, geht weiter über die straffe Organisationsstruktur der Schule und endet im ausgesprochen wohlklingenden Ruf, den die Städtische Musikschule in der Kreisstadt und überregional genießt.

„Die Musikschule ist gut verankert in Politik und Verwaltung und bei den Bürgern angekommen“, meint Strzyzewski, „ihre Existenz wird nicht infrage gestellt.“ Und das ist keine Selbstverständlichkeit, denn in den vergangenen Jahren traf so manche kommunale Musikschule angesichts leerer Haushaltskassen der Rotstift. Mit einer Abdeckung bei der Schülerzahl im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung von durchschnittlich nur einem Prozent werden Musikschulen in manchen Städten oder Kreisen schnell als teurer Luxus betrachtet und dementsprechend auf Sparkurs gesetzt. In Nordhorn erreicht die Musikschule mit ihren rund 1600 Schülern hingegen eine Abdeckung von 3,5 Prozent. Und Nordhorns Musikschule hat in den vergangenen Jahren auch nach allen Kräften dazu beigetragen, dass sie für die Kreisstadt kein Fass ohne Boden geworden ist. „Wir erreichen in unserem Haushalt eine Deckung von mittlerweile über 50 Prozent“, berichtet Strzyzewski nicht ohne Stolz.

Das ist für ihn auch ein Ergebnis eines erstarkten Popularbereiches, der in der Amtszeit des leidenschaftlichen E-Gitarristen Johannes Strzyzewski auffallend stark ausgebaut wurde: „Da wurde mit dem Bereich Popularmusik eine neuer Schwerpunkt gesetzt, der heute gleichberechtigt neben dem traditionellen Angebot steht – gemäß unseres Auftrages, die Musiktradition zu pflegen und das Aktuelle aufzugreifen.“

Was nach außen nicht gleich sichtbar wird, im Musikschulbetrieb jedoch für viel Effizienz sorgt, ist die moderne Verwaltungsstruktur des Hauses. Johannes Strzyzewski: „Wir verfügen heute über sehr gut vernetzte Arbeitsplätze und modernste EDV.“ Auch die professionell betriebene und kontinuierliche Öffentlichkeitsarbeit der Musikschule hat im Land Niedersachsen vielerorts nach Nordhorn blicken lassen. „Was die Öffentlichkeitsarbeit angeht, sind wir führend im Land“, sagt Strzyzewski. Aber auch etwa der engagierte Förderverein „pro nota“ gewährleistet dem Haus da viel Unterstützung.

Wie bei der deutschen Fußballnationalmannschaft ist es bei Nordhorns Musikschule oft das Team und der Teamgeist, der zu Spitzenleistungen führt. Wo die Superstars und herausragenden Individualisten in den vielen Musikschulensembles dünn gesät sind oder fehlen, da sind der Mannschaftsgeist, viel Engagement und Leidenschaft gefragt, um Spitzenleistung zu bringen. Musikschulorchester wie etwa „Connexion“ haben hier immer wieder unter Beweis gestellt, was gemeinsam auf die Beine gestellt und gestemmt werden kann.

Strzyzewski räumt ein, dass es vor allem die Musikschulen im ländlichen Raum schwerer haben, musikalische Spitzenleistung hervorzubringen: „Oben wird die Luft bei uns dünn. In meiner Amtszeit hatte es nur einer unserer Schüler bis zum Bundesentscheid von Jugend musiziert gebracht.“ Bei der Spitzenförderung der Nachwuchstalente sieht Strzyzewski noch eine echte Herausforderung für die Musikschule: „Wir können uns im ländlichen Raum steigern, wenn wir uns an den erfolgreichen Musikschulen in manchen Großstädten orientieren, die jedes Jahr ihre Spitzentalente bis zum Bundesentscheid bringen“.

Gerade auch für die anschließende Ausbildung an den Musikhochschulen hält Strzyzewski eine verstärkte Begabtenförderung an den Musikschulen für unabdingbar. Schon längst spielen heute auf internationalen Wettbewerben junge deutsche Musiker keine erste Geige mehr; das Niveau hat für Strzyzewskis Empfinden in den vergangenen 20 Jahren schwer nachgelassen. „Wer sich mit 16 Jahren entscheidet, Berufsmusiker zu werden, kommt bei den meisten Instrumenten zu spät. Normalerweise geht diesem Berufswunsch eine intensive Ausbildung ab dem sechsten Lebensjahr voraus, und mit 12 Jahren wissen die Kinder bereits, dass sie eines Tages Musik studieren und Berufsmusiker werden wollen.“ Den Einzelunterricht für Talente dabei als Eliteförderung kritisieren zu wollen, ist für Strzyzewski heute ein Vorurteil, das längst nicht mehr zieht: „Es ist heute doch fast egal, aus welchem Elternhaus ein Talent kommt.“

Strzyzewski ist besorgt, dass bei der zunehmenden Verlagerung von Musikschularbeit in die allgemein bildenden Ganztagsschulen die Förderung musikalischer Leistungsträger noch mehr ins Hintertreffen geraten könnte: „So wichtig die Förderung der Basis auch ist, sie darf nicht zulasten der Talentförderung gehen und zum Nachteil der Leistungsträger werden“, fordert er.

Mit 5300 Schülern und einem Lehrkörper von 121 Lehrern übernimmt Strzyzewski in Bielefeld eines der großen deutschen Häuser und große Aufgaben. War er in Nordhorn als Musikschulchef „nur“ Leiter einer der Kulturverwaltung untergeordneten Abteilung, so wird er in der Westfalenmetropole nun Direktor einer eigenständigen Einrichtung. Für seinen Nachfolger sieht er in Nordhorn eine „sehr spannende und reizvolle Aufgabe“, wenn aus der grenzüberschreitenden Internationalen Musikschule, die gemeinsam mit Denekamp in der Überlegung ist, tatsächlich Wirklichkeit werden sollte. Die Machbarkeitsstudie ist nahezu abgeschlossen. Strzyzewski: „So eine Schule würde nur in Nordhorn laufen – die Musikschulen anderer Grenzgemeinden sind da längst noch nicht so weit.“