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Alle lernen, sich gegenseitig zu respektieren

Westfalen-Blatt vom 28.6.2011

Foto: Mike-Dennis Müller

»Bei Tanz um den Hexenkessel handelt es sich um ein komplexes Gesamtkunstwerk«, sagt Johannes Strzyzewski, Leiter der Musik- und Kunstschule und Komponist des Musicals.

Interview mit Johannes Strzyzewski und Harald Otto Schmid zum Musical »Tanz um den Hexenkessel«

Bielefeld (WB). Zirka 300 Kinder und Jugendliche im Alter zwischen zwölf und 20 Jahren führen vom 14. bis 16. Juli in der Oetkerhalle das Bielefeld-Musical »Tanz um den Hexenkessel« auf. Die aufwändige Produktion entstand im zurückliegenden Jahr an der Musik- und Kunstschule. Redakteurin Uta Jostwerner sprach mit Johannes Strzyzewski, dem Komponisten und Ideengeber, sowie mit Harald Otto Schmid, dem Regisseur des Stücks.

Wie kam es zu dem Musicalprojekt? Johannes Strzyzewski: Die Sparda-Bank Hannover suchte damals ein Förderprojekt für Kinder und Jugendliche im Kulturbereich. Nun hatte die Kulturpolitikerin Dorothea Becker in einem Zeitungsartikel, den Sie, Frau Jostwerner, über mich geschrieben hatten, gelesen, dass ich gerne ein Musical schreiben und hier aufführen würde. Frau Becker hat das an die Sparda-Bank kommuniziert und diese stellte nach einem Gespräch mit mir eine Fördersumme von 30 000 Euro zur Verfügung. Damit war der Weg frei für eine größer angelegte Musicalproduktion. Die gesamte Produktion ist allerdings viel teurer.

Dann haben Sie sich auf die Suche nach einem Musicalstoff mit Regional-Bezug gemacht. Erzählen Sie, wie es zur Themenfindung zu »Tanz um den Hexenkessel« kam. Strzyzewski: Zu allererst habe ich an die Bielefeld-Verschwörung gedacht. Kurz danach wurde der Stoff allerdings verfilmt, und so habe ich wieder Abstand von der Idee genommen Dann habe ich nach regionalen Geschichten gesucht, die auch überregional noch interessant sein könnten. Schließlich stieß ich darauf, dass die Märchenstraße, die durch ganz Deutschland führt, in OWL der Hexe zugeordnet ist. Und dann gibt es noch das Hexenbürgermeisterhaus in Lemgo und den Blocksberg. Der liegt zwar nicht mehr in OWL, aber ist auch nicht so weit entfernt, so dass sich in Verbindung mit den damaligen Ausgrabungen an der Sparrenburg eine schöne Geschichte spinnen ließ.

Eine Idee macht noch kein Libretto. Dieses wurde von Sandra Kurz verfasst. Wie sind Sie zusammengekommen? Strzyzewski: Bezüglich des Librettos hat mir jemand Frau Kurz empfohlen, weil sie schon ein Buch mit lokalem Bezug zu Bielefeld veröffentlicht hatte. Das war 2009. Die Sandra hat dann noch eigene Idee eingebracht, wie zum Beispiel die Schulklasse.

Harald-Otto Schmid: Die Schulklasse schafft einen Realitätsbezug. Sie hat ein Problem mit dem Zusammenhalt und mit Außenseitern. Das wird am Anfang thematisiert. Die Johanna, eine der Protagonistinnen, wird gemobbt von ihren Klassenkameraden. Bei einem Ausflug zur Sparrenburg entdecken die Schüler Zeichen und fangen an zu recherchieren, was es damit auf sich hat. Nach und nach verstricken sie sich immer mehr. Schließlich kommt es zu einer Vermischung von Realität und Phantasie. Waldwesen, Hexen und Traumwelt treten zutage. Beide Ebenen werden miteinander konfrontiert. Da stellt sich heraus, und das ist der Schachzug der Geschichte, dass beide ein ähnliches Problem haben. So wie damals Hexen stigmatisiert wurden, so werden heute auch Personen ausgegrenzt. So kommen die Jugendlichen zu der Einsicht, dass Zusammenhalt wichtig ist.

Sie haben sich zur Umsetzung des Projekts auch Partner in der Stadt gesucht. Strzyzewski: Ja, das Alarmtheater für den Schauspielunterricht und die Regie. Die dritte Säule ist die Tanzakademie Dans Art. Die machen die Choreografie und zeichnen für den Tanzunterricht verantwortlich. Die zuvor gecasteten Teilnehmer erhalten schon seit einem Jahr einmal in der Woche Tanzunterricht.

Und die Musiker? Strzyzewski: Das Musikschulorchester ist später dazugekommen und probt separat. Und dann gibt es noch eine Projektband. Da der Popmusikbereich hier an der Musik- und Kunstschule noch nicht stark genug aufgestellt ist, war es zunächst nicht so einfach, Musiker zu finden. Mittlerweile hoffe ich, dass durch das Projekt der Bereich Popmusik ausgebaut werden kann und die Band über das Musical hinaus Bestand haben wird.

Wie reagiert das Orchester auf Ihre Partitur? Haben Sie beim Schreiben Rücksicht auf die speziellen Bedürfnisse und Kenntnisse eines Schulorchesters genommen? Strzyzewski: Nein, das habe ich nicht gemacht. Ich bin der Idee gefolgt, möglichst viele Instrumente hineinzunehmen, die an einer Musikschule unterrichtet werden. Das klassische Symphonieorchester hat zum Beispiel keine Saxophone und E-Gitarren oder so viel Perkussion wie es in unserem Orchester der Fall ist. Dadurch wird unser Orchesterklang wuchtiger. Mehr oder weniger habe ich das gesamte Musikschulinstrumentarium auf die Bühne gestellt. Ich habe die Partitur nicht den Jugendlichen auf den Leib geschrieben, wohl aber auf die Bedingungen des Muku-Orchesters Rücksicht genommen. Die Orchestermitglieder waren zunächst mal nicht so begeistert von der Musik. Das liegt in der Natur der Dinge. Musical-Musik gilt als Begleitmusik, als zu flach und abgegriffen. So ist die Musik aber gar nicht. Musical steht auf unseren Plakaten, weil die Menschen dann wissen, was gemeint ist. Es handelt sich aber um ein komplexes Gesamtkunstwerk.

Herr Schmid, wie inszeniert man ein Stück, an dem so viele unterschiedliche Sparten und fast ausnahmslos Laien beteiligt sind? Schmid: Man muss sich als Regisseur von einer bestimmten Vorstellung, wie das Stück zu sein hat, verabschieden. Meine Aufgabe besteht zu einem großen Teil darin, einen Dialog zwischen den einzelnen Kunstsparten herzustellen. Das Alarmtheater arbeitet zwar auch mit Text, kommt aber im Prinzip von der Improvisation und Bewegung. Und dann gibt es noch verschiedene ästhetische Einstellungen. Wir respektieren uns zwar sehr und arbeiten gut zusammen, aber man muss viel Vermittlungsarbeit leisten und dem anderen dabei immer auch den Raum lassen, etwas zu entwickeln ohne sich selbst in Frage zu stellen. Hinzukommt, dass ich bei einem Musical mit 300 Teilnehmern möglichst viele Leute auf der Bühne und in Bewegung haben möchte. Beim Chor, der schwierige Partien zu singen hat, stößt man damit allerdings an Grenzen. Das heißt, ich habe als Regisseur bestimmte Gegebenheiten zu akzeptieren.

Strzyzewski: Jeder geht mit einer anderen Vorgehensweise an das Stück heran. Das ist aber gerade das Spannende. Man gibt einen Input, und das Ganze geht in eine Richtung, die man so nicht für möglich gehalten hätte. So kommen wir zu anderen Ergebnissen, als wenn jeder in seinem eigenen Mist wühlen würde.

Schmid: Und man lernt, den anderen in seiner Vorgehensweise zu respektieren und zu achten.

Woher kommt der Chor, wie setzt er sich zusammen? Strzyzewski: Wir haben ihn als Musicalchor ausgeschrieben. Da haben sich alle möglichen Leute gemeldet. Viele hatten aber weder Chorerfahrung noch konnten sie Noten lesen. Ich hatte zu dem Zeitpunkt aber einen satten, vierstimmigen Chorsatz für Sopran, Alt, Tenor und Bass komponiert. So haben wir jede Stimme einzeln auf Band aufgenommen und den Mitgliedern mit nach Hause gegeben. Von 100 Leuten sind 60 geblieben, und die machen ganz toll mit.

Das heißt aber nicht, dass man sie wie einen professionellen Opernchor einsetzen kann, der nebenbei auch noch dramaturgische Aufgaben auf der Bühne wahrnimmt, oder?
Schmid: Genau. Die Musik ist nicht so einfach komponiert, dass man dem Chor über das Singen hinaus noch andere Aufgaben übertragen könnte. Die Musik ist zum Teil sehr anspruchsvoll. Hinzukommt, dass sämtliche Teilnehmer gecastet wurden. Dazu haben wir ein ganzes Wochenende in der Musik- und Kunstschule Leute gesucht. Es haben sich unheimlich viele gemeldet, und am Ende war uns klar, dass wir keinen nach Hause schicken. Das heißt, wir haben für jeden eine Rolle gefunden. Denn unser Credo war von vornherein: Es soll allen Spaß machen und jeder soll am Ende sagen: Ja, das machen wir sofort noch mal.

Zunächst einmal haben alle Gruppen separat ihren Part geprobt und einstudiert. Wann haben Sie begonnen, die Sparten zusammenzuführen? Schmid: Im Dezember letzten Jahres haben wir uns alle zusammen im Alarmtheater getroffen, weil wir fanden, dass sich die Gruppen kennenlernen und voneinander lernen sollten. Nur das Orchester war beim ersten Mal nicht dabei. Jetzt steht uns für die Gemeinschaftproben die gesamte Aula des Ceciliengymnasiums zur Verfügung. Hier können wir die Bühne der Oetkerhalle nachstellen und in etwa unter realistischen Bedingungen proben.

Wer kümmert sich um das Bühnenbild und die Kostüme? Schmid: Wir vom Alarmtheater haben uns dafür eingesetzt, dass Suzanne Austin, mit der wir viel zusammenarbeiten, das Bühnenbild konzipiert. Aber natürlich wollte auch die Musik- und Kunstschule ihre eigene Kompetenz mit einbringen. Zwei Dozenten der Sparte Kunst, Sabrina Strunk und Markus Jung, sind sehr engagiert. Die Zusammenarbeit klappt gut. Insgesamt werden an der Muku weit über 100 Kostüme maßangefertigt.

Strzyzewski: Wichtig war uns auch, dass das Bühnenbild schnell auf- und abzubauen ist, da wir nur wenige Endproben in der Oetkerhalle haben.

Wer probt mit den Solisten? Strzyzewski: Die werden von Annette Gebauer einmal pro Woche hier im Haus in Gesang unterrichtet.

Schmid: Und den Unterricht in Schauspiel und Tanz übernimmt das Alarmtheater. Da sie fit in allen drei Disziplinen sein müssen, erfordert das eine Menge Koordinationsarbeit. Zu einigen Proben habe ich auch den Orchesterdirigenten Christian van den Berg gebeten, damit er den Schauspielern etwas über die Musik erzählt.

Was kostet die Gesamtproduktion? Strzyzewski: Mit den 30 000 Euro von der Sparda Hannover war es nicht getan. Die gesamte Produktion kostet 100 000 Euro. Und das ist nicht viel, wenn man bedenkt, was eine Theaterproduktion normalerweise kostet. Man darf nicht vergessen, dass wir mit 300 Leute mehr als zwei Jahre dabei sind.

Woher kommt das Geld? Strzyzewski: Ich habe mit der Hanns-Bisegger-Stiftung noch einen zweiten Förderer gewinnen können. Dann gab es noch Fördergelder vom Land aus dem Topf für innovative Musikschulprojekte. Der Rest kommt aus Gebühren der Teilnehmer. Wer allerdings sozial schwach ist, bekommt eine Ermäßigung. Und dann kalkulieren wir mit den Eintrittsgeldern.

Für die Aufführung werden die ersten Reihen in der Oetkerhalle ausgebaut und die Bühne nach vorne um zirka zehn Meter erweitert. Wie viele Plätze bleiben dann noch? Strzyzewski: Etwas über 1000.

An der Musicalproduktion sind überwiegend Schüler beteiligt. Wie bringen Sie in den Endproben Schule und die Bedürfnisse der Produktion unter einen Hut? Strzyzewski: Wir konnten in Einvernehmen mit den betreffenden Leiterinnen und Leitern der Bielefelder Schulen erreichen, dass alle beteiligten Schüler in der Premierenwoche Schulfrei bekommen.

Schmid: Zuvor haben wir immer wieder auch Intensivproben eingelegt, wo wir eine Woche am Stück oder ein Wochenende konzentriert mit einzelnen Gruppen gearbeitet haben.