Impressum Datenschutzerklärung

»Musik machen ist wie Religion – und wie Bergbau«

Westfalen-Blatt am 13.4.2016

Der ehemalige und der aktuelle Leiter der Musik- und Kunstschule, vertieft in einem anregenden Gespräch. Malte Heygster (links) und Johannes Strzyzewski sind sich in den meisten Punkten einig. Gleichwohl stellt jede Zeit ihre eigenen Herausforderungen. Foto: Thomas F. Starke

Interview mit Malte Heygster und Johannes Strzyzewski anlässlich des 60-jährigen Bestehens der Musik- und Kunstschule

Bielefeld(WB). Die Musik- und Kunstschule feiert in diesem Jahr ihr 60-jähriges Bestehen. Geprägt wurde die städtische Einrichtung stark von Malte Heygster, Leiter von 1979 bis 2004, und Yeal Niemeyer, Leiterin der Sparte Kunst sowie ab 2005 drei Jahre lang Schuldirektorin. Seit 2008 lenkt Johannes Strzyzewski die Geschicke der Muku. Uta Jostwerner sprach mit Malte Heygster und Johannes Strzyzewski.

Herr Heygster, waren es damals noch goldene Zeiten, als sie 1979 die Leitung der Musik- und Kunst übernahmen?
Malte Heygster: Ja und Nein. Am Anfang konnte ich noch Wünsche äußern, die sogar erfüllt wurden

Zum Beispiel?
Malte Heygster: Ich war der Meinung, dass eine Musikschule im 20. Jahrhundert ein Tonstudio braucht. Die erheblichen Kosten dafür wurden sofort nachbewilligt. So etwas war damals möglich. Das änderte sich schnell. Der damalige Oberstadtdirektor, Dr. Eberhard Munzert, lud alle Amtsleiter zu einem opulenten Essen, um mitzuteilen: 'Ab jetzt müssen wir sparen.' Schleichend wurde es knapper. Um jede Stelle und jede Anschaffung musste gerungen werden. Am Ende wurde sogar am pädagogischen Gerüst gerüttelt. Das war sehr schmerzlich.

Was waren, unabhängig von den Finanzen, die Herausforderungen der 1980er und 90er Jahre?
Malte Heygster: Der Auftrag sehr klar. Kinder und Jugendliche sollten unabhängig von ihrem sozialen Stand und ihrer Bildung an Musik herangeführt werden. Und zwar ohne Auflagen, also ohne Aufnahmeprüfungen. Es galt, Begabungen zu entfalten. Yeal Niemeyer, die damalige Leiterin der Sparte Kunst, zitierte immer die Bauhaus-Parole: 'Hier ist man nicht begabt, hier wird man begabt.' Und die Musikpädagogik und die Neurowissenschaft betonen, dass eine Grundbegabung immer vorhanden ist, die allerdings gepflegt werden muss, damit sie nicht verdorrt.

Herr Strzyzewski, in den Leitlinien der Musik- und Kunstschulen wird immer noch die Breitenförderung als erstes Ziel genannt und explizit nicht die Herausbildung von Spezialisten. Dennoch beklagen Sie immer wieder mal, dass es, bedingt durch unser heutiges Schulsystem, kaum noch möglich sei, musikalisch normal Begabte dahingehend zu fördern, dass sie befähigt würden, ein Musikstudium aufzunehmen.
Johannes Strzyzewski: Das ist richtig. Ich habe gerade kürzlich gehört, dass an der Musikhochschule in Detmold eine Aufnahmeprüfung stattgefunden hat, bei der mehr als die Hälfte der Bewerber in Theorie mit null Punkten abgeschlossen hat.
Malte Heygster: Ich kann als Hochschullehrer bestätigen, dass heutige Studenten oftmals erbärmliche Fähigkeiten mitbringen. Das ist ein großes Problem. Die Musikschulen müssen dagegen etwas unternehmen.

Was genau können die Musikschulen denn dagegen unternehmen?
Malte Heygster: Sie müssen mit jungen Kindern beginnen und ihnen eine solide musikpädagogische Grundförderung geben, aufgrund derer sie sowohl Laienmusiker als auch Profis werden können. Potentielle Berufsmusiker kann man danach besonders fördern.
Johannes Strzyzewski: Das Problem ist meiner Meinung nach von den Musikschulen allein kaum zu lösten. Erstens, weil die Kinder, bedingt durch G 8, ein Jahr früher aus der Schule raus sind und sich meist wegen Abi-Stress, also mit 17 Jahren, vom Musikunterricht abmelden. Aber gerade im letzten Schuljahr hat sich früher noch viel an künstlerischen Fähigkeiten entwickelt. Das können Sie aktuell zum Beispiel beim Wettbewerb Jugend musiziert beobachten. In der Altersklasse der 17-Jährigen ist überhaupt kein Unterschied mehr zur Altersklasse der 15- oder 16-Jährigen auszumachen. Also die letzte Stufe, wir nennen sie Oberstufe, kann heute unter normalen Umständen nicht mehr erreicht werden. Punkt zwei ist der Nachmittag. Der fällt fürs Musikmachen weg, weil die Schüler in der Nachmittagsbetreuung sind. Der dritte Punkt ist der Kindergarten. Im Prinzip darf im Kindergarten wegen des Teilhabegesetzes kein kostenpflichtiges Angebot mehr durchgeführt werden. Uns in Bielefeld geht es noch gut. Aber ich höre Klagen von den anderen Musikschulleiterkollegen. So sind viele Musikschulen mit ihren qualitätsvollen und über Jahrzehnte entwickelten musikalischen Förderprogrammen aus den Kindergärten herausgeflogen. Das heißt, es fehlen für die musisch-künstlerische Ausbildung vorne zwei Jahre, hinten fehlt uns ein Jahr und in der Mitte fehlt der Nachmittag.

Aber die Muku ist doch mit Angeboten im Offenen Ganztag vertreten oder nicht?
Johannes Strzyzewski: Der Einzug in den Offenen Ganztag hat mir persönlich gar nicht geschmeckt. Wir sind da wie alle anderen als Betreuungsunterricht wahrgenommen worden. Die Konzentration der Schüler war nicht vorhanden. Viele Eltern haben überhaupt nicht gemerkt, dass es sich hier um ein Angebot der Musikschule handelt , und einige interessierten sich auch überhaupt nicht dafür. Hauptsache, ihre Kinder waren versorgt. Das Ergebnis, das wir in diesem Bereich erzielt haben, war bescheiden. Daraufhin haben wir uns bemüht, mit speziellen Musikalisierungsprogrammen im Vormittagsbereich der allgemeinbildenden Schulen etwas anzubieten.

Herr Heygster, im Bereich der Musikpädagogik und Didaktik haben Sie damals ganz neue Wege eingeschlagen.
Malte Heygster: Keine neuen Wege, wir haben nur die Rückbesinnung auf uralte Grundsätze der Musikpädagogik angestrebt, zum Beispiel, dass musikalische Erfahrung über das Singen entsteht oder, dass Musiklernen immer erst Musikfühlen und dann Musikverstehen bedeutet. Als ich nach Bielefeld kam, fiel mir auf, dass hier wie anderswo solche Grundsätze in Vergessenheit geraten waren. Ich habe mich umgesehen und stieß auf die vorbildliche Musikpädagogik in Ungarn. Wir ließen uns zwei Jahre von einem ungarischen Professor coachen. Danach haben wir im Team ein Unterrichtsprogramm für Menschen unserer Zeit entwickelt. Solche Rückbesinnung fand damals an vielen Orten statt. Was wir in den 1980er Jahren in Bielefeld zusammengetragen haben, ist heute musikpädagogischer Standard, der sich fortwährend weiterentwickelt. Ich stimme mit Herrn Strzyzewski vollkommen überein, wenn er betont, dass es einen roten Faden der Musikschulausbildung geben muss, der die Lerninhalte einer Unterrichtsstufe kleinschrittig aus der vorigen entwickelt. Das war unserer Zielrichtung in den 1980er Jahren und nur so ist eine Musikschule mehr als Vermittlungsbüro für Musikunterricht.

Herr Strzyzewski, wird nach dieser Methode an der Muku immer noch unterrichtet?
Johannes Strzyzewski: Nicht mehr. Aber nicht, weil das Konzept überholt wär, sondern weil die Nachfrage in den Grundschulen stark zurückgegangen war und weil die Quote der Schüler, die anschließend in den Instrumentalunterricht wechselten, nur noch bei zehn bis zwanzig Prozent lag. Unser Interesse besteht aber darin, möglichste viele Schüler für den Musikschulunterricht und die künstlerische Ausbildung zu gewinnen und begeistern. In die Musikschule zu bekommen. So haben sich hier andere Formen entwickelt. Unter anderem Angebote für Kinder im Vorschulalter.

Die Stadt bekennt sich zur Muku als 'unverzichtbaren Bestandteil der Bildungs- und Kulturlandschaft', wie es so schön heißt. Gleichzeitig sinkt der städtische Zuschuss kontinuierlich, während das Schulgeld besonders für Einzelunterricht in die Höhe schnellt. Wie lange ist an dieser Stellschraube noch zu drehen?
Johannes Strzyzewski: Im Vergleich zum Privatunterricht liegen wird preislich immer noch wesentlich günstiger. Das Entgelt für Einzelunterricht ist angehoben worden, um auch in diesem Segment eine vernünftige, das heißt politisch vertretbare Refinanzierung zu erreichen. Vor etlichen Jahren wurde der Einzelunterricht hoch subventioniert. Heute liegt die Refinanzierungsquote für den Einzelunterricht bei 80 Prozent. In der Summe erreichen wir eine Refinanzierung von 50 Prozent.
Malte Heygster:
Wenn die Muku beauftragt wird, bildungsferne Menschen an die Musik und Kunst heranzuführen, muss dies für alle bezahlbar sein.

Wie weit kann man die Leute noch schröpfen?
Johannes Strzyzewski: Schröpfen ist nicht der richtige Begriff. Wir bieten, so glaube ich, ein sehr gutes Angebot für einen fairen Preis.

Bekommen Musiker und Künstler die ihnen zustehende Anerkennung?
Malte Heygster: Musikschullehrer werden schlechter bezahlt als Lehrer allgemeinbildenden Schulen. Das ist eine Folge der in der Gesellschaft verankerten Meinung: 'Na ja, die machen Musik, das macht denen ja Spaß und dann können sie das auch – also geringere Entlohnung.
Johannes Strzyzewski: Das setzt sich bis in den Leitungsbereich fort. Nur, niemand weiß es und niemand bemerkt es.
Malte Heygster: Es gibt noch einen anderen Aspekt bei der Finanzierungsfrage. Als die Musikschulen nach dem Krieg wiedergegründet wurden, da hieß es, Musik ist ein Kulturgut, das unbedingt für alle kostenfrei da sein muss. Dennoch wird die Musik bis heute als ein Sahnehäubchen für eine bürgerliche Elite betrachtet. Das ist Quatsch. Musik ist ein Lebensmittel.
Johannes Strzyzewski: Und dennoch stecken die Musikschulen seit rund 30 Jahren eine Sparrunde nach der anderen ein. Meine Befürchtung ist: Wenn ich in Rente gehe, ist nicht mehr viel übrig.

Dennoch haben sie vor nicht all zu langer Zeit einer dritte Sparte, nämlich Tanz und Theater, eingeführt.
Johannes Strzyzewski: Ja, aber in dieser Sparte können wir teilweise sogar Überschüsse erwirtschaften. Die Sparte finanziert zum Teil andere Dinge mit. In diesem Bereich können wir auch wachsende Schülerzahlen verzeichnen. Aber wir haben in den anderen Bereichen in diesem Jahr erstmals wieder positive Zahlen zu vermelden: Bei 'Jugend musiziert' hatten wir mehr Teilnehmer, und auch an unserer studienvorbereitenden Ausbildung steigt das Interesse und somit die Schülerzahl. Die Teilnehmerzahl im Orchester haben wir verdoppelt. Und dies in einer Zeit, in der alle anderen Musikschulen in OWL, außer in Bielefeld und Gütersloh, die Sinfonieorchesterarbeit bereits eingestellt haben.

Wie haben Sie das geschafft, was waren die Anreize?
Wie haben Sie das geschafft, was waren die Anreize?
Johannes Strzyzewski: Das ist ein Puzzle. Es sind ganz viele Besonderheiten, die wir dem Orchester bieten wie zum Beispiel Orchesterfahren. Und es liegt natürlich am neuen Leiter: Tobias Richter. Außerdem haben wir eine Förderstufe für Instrumentalschüler eingeführt, die im Orchester spielen, wobei vor allem das Engagement als Kriterium zählt und nicht der Leistungsstand.

Wie es aussieht, sind Sie auf gutem Wege. Was braucht es noch, um die Musik- und Kunstschule in die Zukunft zu führen?
Johannes Strzyzewski: Meine größte Sorge ist, wie wir mit den Schulen in Kontakt kommen können. Wir müssen es schaffen, dass diejenigen Schüler, die eine Musikausbildung wünschen, schulisch entlastet werden und wieder ausreichend Zeit für die künstlerische Ausbildung und Betätigung bleibt. Aber das Ministerium muss dazu erst einmal einiges absegnen, was nicht so einfach geschehen wird. Dennoch haben wir mit dem Max-Planck-Gymnasium ein Konstrukt entwickelt, von dem ich glaube, dass es eine gute Lösung für musikinteressierte Schüler sein könnte. Es sieht vor, dass Musiker um ein paar Stunden in der Woche entlastet werden und dass etwa Wettbewerbspreise oder die Mitwirkung in einem Ensemble im Zeugnis vermerkt und künstlerische Leistungen genau so wertgeschätzt werden wie eine Zwei in Chemie. Aber wenn das Schulsystem bei uns so bleibt wie es ist und die Musikschulen den Zugang zu musikalisch talentierten Kindern und Jugendlichen verlieren, dann sehe ich Schwarz.

Offenbar gilt es viele Hindernisse zu überwinden und übergebührend zu arbeiten, wenn man Berufsmusiker werden möchte. Können Sie dennoch dazu raten?
Johannes Strzyzewski: Wenn jemand finanzielle Dinge in den Vordergrund stellt, dann muss man tatsächlich vom Musikstudium abraten. Aber ansonsten ist Musikmachen ähnlich wie Religion. Es ist eine Überzeugung und ein tiefes Gefühl der Wahrheit.
Malte Heygster: Aber gleichzeitig ist Musik machen wie Bergbau. Musiker müssen malochen, egal ob Musiklehrer oder Ausführende.

Jetzt wird an der Muku nicht nur Musik unterrichtet, sondern auch Kunst, Tanz und Theater.
Johannes Strzyzewski: Was ein großer Vorteil ist. Ein Kind, das hierher kommt, hat alle Möglichkeiten und kommt auch mit allen künstlerischen Disziplinen in Berührung. Meiner Meinung nach gehört die Kreativität zu den ganz wichtigen Dingen im Leben. Das kann man hier erlernen.

Es heißt, die Muku sei mit ihren 6000 Schülern die größte Musik- und Kunstschule in ganz Deutschland.
Johannes Strzyzewski: Ja, das ist so, in erster Linie durch die Sparte Kunst. Dieser Bereich ist für sich genommen die größte Kunstschule in Deutschland.
Malte Heygster: Die Kunstsparte ist unter Yeal Niemeyer so groß geworden. Das war zu einer Zeit, als Kunstschulen noch viel rarer und spektakulärer waren als Musikschulen. Wir haben von vornherein gesagt, dass wir keine Aschenbecher basteln, sondern Kunst machen. Das war ungewöhnlich und einer der Gründe, warum die Sparte so erfolgreich wurde.